Im eisigen Nachkriegswinter 1947/48 erschien ein junger Mann in der wegen Kohlenmangels geschlossenen Düsseldorfer Kunstakademie und erwiderte auf die Frage eines zufällig anwesenden Professors: „Bildhauer will ich werden.“
Der Professor vertröstete ihn auf bessere Zeiten und empfahl ihm, inzwischen das Steinmetzhandwerk zu lernen. So erzählt es Günter Grass in seinem autobiographischen Buch Beim Häuten der Zwiebel.
Nach einem Praktikum in zwei Steinmetzbetrieben studierte er von 1948 bis 1952 Bildhauerei und Grafik in Düsseldorf, und setzte 1953 das Studium an der Berliner Hochschule für Bildende Künste fort, wo er Meisterschüler des Bildhauers Karl Hartung wurde. Seinem verehrten Düsseldorfer Lehrer Otto Pankok, „der fast nur mit Kohle oder an Holzschnitten arbeitete und sogar als farbenblind galt“, hat er mit einem von ihm gestifteten Otto-Pankok Preis, der für Verdienste um das Volk der Roma und Sinti vergeben wird, ein Denkmal gesetzt.
Zehn Jahre nach jenem Nachkriegswinter hatte Günter Grass seine ersten Ausstellungen von Plastiken und Grafiken in Stuttgart und Berlin, zwölf Jahre später, im Herbst 1959, erschien sein in Paris geschriebener erster Roman Die Blechtrommel.
Zeichnen oder Bildhauern einerseits und andererseits Schreiben - bei Günter Grass sind das zusammengehörende handwerkliche, künstlerische Tätigkeiten. In einem Essay hat er die Frage „Bin ich nun Schreiber oder Zeichner?“ vor langen Jahren für sich und uns ein für alle Mal geklärt:

„Ich zeichne immer, auch wenn ich nicht zeichne, weil ich gerade schreibe oder konzentriert nichts tue. Und auch beim Zeichnen schreiben sich Sätze fort, die angefangen auf anderem Papier stehen. Seht, sagt die Zeichnung, wie wenige Wörter ich brauche; hört, sagt das Gedicht, was zwischen den Linien ist. Und weil sich bei mir im Schreiben das Zeichnen fortsetzt, weil aus der zeichnerischen Struktur epische Perioden als Satzgefälle abzuleiten sind, hat mich die Frage ‚Bist du nun Schreiber oder Zeichner zuallererst?’ nie kümmern können. Wörtlich oder zeichnerisch genommen: Es sind die Grauwerte, die unsere Wirklichkeit tönen, stufen, eintrüben, transparent machen. Weiss ist nur das Papier. Es muss befleckt, mit harter oder brüchiger Kontur belebt oder mit Wörtern besiedelt werden, die die Wahrheit immer neu und jedesmal anders erzählen. Ein schreibender Zeichner ist jemand, der die Tinte nicht wechselt.“
Diese Selbstaussage klärt noch eine andere Frage: Die Bilder, die Zeichnungen, Grafiken und Plastiken des Künstlers Günter Grass illustrieren in der Regel nichts Geschriebenes, sind kein Beiwerk zu den Gedichten, Erzählungen und Romanen des Schriftstellers Günter Grass. Es sind eigene, für sich bestehende Kunstwerke, die oftmals thematisch mit dem Geschriebenen in Zusammenhang stehen, aber auch das nicht immer.
So kommt es vor, dass bei Grass die Zeichnung, das Bild sogar am Beginn einer neuen Schreibphase steht, als frühe Idee, und dann zum Motiv wird, zum Motiv einer neuen Prosaarbeit, eines Theaterstücks, oder eines Gedichts. Schon Mitte der fünfziger Jahre entstanden Zeichnungen und eine in Bronze gegossene Plastik, die einen Butt darstellen – rund zwanzig Jahre, ehe Grass den Roman Der Butt schrieb. Krebse und Fische sind von früh an wiederkehrende Motive von Grafiken und Gedichten. Heringe waren, wie Grass einmal bemerkte, ein billiges Essen für den jungen Künstler. Die Vogelscheuchen, die er zuerst in den fünfziger Jahren und dann immer wieder zeichnete und formte, fanden Eingang in den Roman Hundejahre (1963). Die „bösen Köche“, von den fünfziger Jahren an Gegenstand vieler Grafiken und Skulpturen, sind titelgebendes Motiv in einem Theaterstück von Grass, das 1961 am Berliner Schiller-Theater uraufgeführt wurde. Ratten tauchen in Zeichnungen, Grafiken und Gedichten auf, lange bevor 1986 der Roman Die Rättin erscheint. Nonnen, verschreckte oder durch die Lüfte segelnde, zeichnete Grass, ehe sie in der Blechtrommel erschienen.
Grass schreibt jeweils die erste Fassung seiner Romane und Erzählungen mit der Hand, mit dem Füllfederhalter. Während dieses Niederschreibens entstehen am Rand der Seiten oder mitten zwischen den Zeilen kleine oder auch größere Skizzen, mit denen er sich anschaulich macht, was er vor Augen hat, sagen will – Skizzen, die „den Schreibfluss fördern“ und aus denen später zuweilen Zeichnungen und Grafiken entstehen.
Mitte der neunziger Jahre, nachdem er den von jugendlichem Übermut und heiter-melancholischer Altersweisheit beschwingten Berlin- und Fontane-Roman „Ein weites Feld“ geschrieben hatte, kehrte Grass zu seiner eigenen Überraschung zur Farbe zurück. Er holte seinen Farbkasten hervor und erfand etwas Neues, das er „Aquadichte“ nennt: Aquarelle mit hineingeschriebenen Gedichten, aus denen der Band Fundsachen für Nichtleser (1997) entstand. Hier gehört das eine zum anderen, das Gedicht zum Bild, oder das Bild zum Gedicht, aber als ledender Betrachter könnte man nie sagen, was zuerst da war oder ob beides gleichzeitig, sozsusagen in einem Atemzug entstand.
Aquadichte
sind Verse, die ich
mittels gefüllter Tuborgflaschen,
wasserlöslichen Farben,
sattem Pinsel
und offenen Auges herstelle;
ach ja, Papier ist vonnöten.
Ein einziges Mal hat der bildende Künstler und Literaturnobelpreisträger Günter Grass eine Auftragsarbeit übernommen. Er wurde gebeten, für eine Mappe zum 200. Geburtstag von Hans Christian Andersen Lithograhien zu zeichnen, Bilder zu dreißig von ihm selbst ausgewählten Märchen. Wie in einem Rausch schuf Grass liebevoll, mit sichtbarer Zuneigung Blatt um Blatt - am Ende waren es viele Blätter mehr, als für eine Mappe gebraucht wurden. Nur selten dürfte sich ein großer Künstler mit solcher Hingabe in den Dienst eines anderen Künstlers gestellt haben. Die Arbeiten wurden in einer großen Ausstellung zum 200. Geburtstag des Märchenerzählers im Jahre 2005 in Dänemark gezeigt und erschienen in Buchform unter dem Titel Der Schatten – Hans Christian Andersens Märchen (2005).
Text Auszüge aus dem Katalog-Vorwort von Helmut Frielinghaus
Fotos Archiv der jakob-kemenate